Skip to content

Kat war die Unordnung.

11. März 2011


via

Kat drückte ihren Stift auf das Papier. Ich habe Angst. Der Satz tropfte der Feder des Füllers, hob sich dunkelblau ab und wurde immer kleiner, immer dünner, verschwand in ein bisschen im Papier. Neben den Worten zog sie kleine Kreise, Kringel, Sternchen und Herzchen, ein Gesicht, ein Kopf mit lockigem Haar, eine Zeile aus einem Song. Gekritzel eben. Was einem so einfiel im Matheunterricht. Und Dinge, die man schon lange mit sich rumtrug. Kat hob den Kopf, bedeckte das Blatt mit ihrem Arm. Die meisten Leute in ihrer Klasse hatten braune Haare, den klassischen Stufenschnitt, nicht auffällig, auf keine Weise, aber genau vor ihr saß ein Mädchen mit leuchtend roten Haare. Sie hatte Bücher gelesen, in denen Mädchen so beschrieben wurde. Ihr Haar war wie ein Meer aus Flammen – und ähnliches. Und das klang immer wunderschön, aber begegnet war ihr nie so jemand. Bis auf Marielle. So ein Name, dachte Kat, verdient Haar wie dieses, geschmeidig, mädchenhaft, leicht, manchmal passte eben doch alles zusammen an einem Menschen. Und bei ihr schien das so zu sein. Die großen Augen und die kleinen Füße, eine Marielle mit großen Füßen wäre irgendwie unauthentisch gewesen… Sogar ihre Stimme passte perfekt. Ganz hell und fest. Marielle war einer dieser Menschen, bei denen die Formulierung „einer dieser Menschen“ gänzlich ausgefüllt werden konnte. Ohne ein aber. Das war so faszinierend. Deswegen konnte Kat sich nicht konzentrieren. Weil Marielle all das war, was sie nie sein würde. Definiert. Mit klaren Linien gezeichnet. Vollständig. Sie war sportlich und geschickt, gut in Naturwissenschaften und ehrlich, großzügig, respektvoll. Das alles war sie. Immer. Unabhängig von ihrer Tagesform oder sonst irgendwas. Kat merkte, wie ihr schlecht wurde. Ihre Ohren fühlten sich an, als hätte jemand Watte in sie hineingestopft. Sie wandte den Blick von Marielle ab. Normalerweise ging sie diesen Gedanken aus dem Weg. Diese Gedanken, von denen man weiß, dass sie auf die Bestätigung der eigene Fehlerhaftigkeit hinauslaufen… Aber es ging nicht. Warum auch immer. Sie trat sich selbst auf den Fuß, um irgendwie zurückzukommen. Aber es war zu spät. All die Menschen um sie herum waren etwas ganz Bestimmtes. Wie das eben so war, in der Schule, jeder erfüllte seine Rolle als irgendwas, irgendwer. Kat fühlte sich verloren. Noch mehr als sonst. Denn sie war nichts. Sie trieb in dem tobenden Wasser des Erwachsenwerdens, die Oberfläche war kaum zu durchbrechen, die Luft wurde knapp und nichts konnte sie retten. Kein Talent, Ruf oder wenigstens ein Nutzen, den sie für die anderen hatte. Ihr lebloser Körper verbog sich unter den Wellen. Sie wünschte sich, wie Marielle zu sein. Stark. Gefestigt, irgendwie, in sich. Unbeugsam. Aber sie war vielmehr wie Zigarettenrauch, der sich in die Vorhänge fraß, in das Sofapolster, der tagelang in d er Luft hin. Wie etwas, dass leicht zu verdrängen war, aber auch furchtbar schnell da, weil es wenig Platz brauchte, weil es überall hineinpasste. Weil es die Lücken füllte, die alles zusammenhielten. Kat war das zwischen den Grenzen, zwischen Marielles klaren Linien. Sie war die Grauzone. Der Übergang. Das bisschen, das etwas zu einer Einheit machte. Und sie hätte stolz darauf sein können. Oder zufrieden. Oder sich dessen wenigstens bewusst sein. Aber sie sah nur, wie sie von allen übergangen, verwischt wurde und wieviele versuchten, die Übergänge feiner zu machen, den Spielraum zu verkleinern. Die Welt aufzuräumen. Kat war die Unordnung. Und wenn sie im Unterricht saß und alles vor ihren Augen verschwamm, wenn sie den Halt verlor und Hände nichts zu greifen bekamen, da wünschte sie sich nichts mehr, als Ordnung. Als ein Leben in schwarz/weiß. Ein Leben, in dem man sie sah und nicht suchen musste.

flugunfaehig

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 18. März 2011 5:59 pm

    Wie du Worte verwendest gefällt mir sehr gut. Wie du Marielle beschrieben hast. Nicht zu aufdringlich, aber doch so das man selbst ein genaues Bild im Kopf hat – genau so wie es sein sollte. Sehr, sehr schön!

    Bin gerade erst auf deinen Blog gekommen und hoffe jetzt, dass ich beim durchstöbern noch mehr von Texten wie diesem finden werde.. 🙂

  2. 31. März 2011 10:16 pm

    Gefällt mir gut – Kats Situation erinnert mich stark an die meine, Marielle wiederum an ein Mädchen, das wir tatsächlich in der Klasse haben (und ja, sie hat wirklich rote Haare). Auf jeden Fall ein toller Text, den ich nicht so schnell vergessen werde.

  3. 6. April 2011 3:19 pm

    „Aber sie sah nur, wie sie von allen übergangen, verwischt wurde und wieviele versuchten, die Übergänge feiner zu machen, den Spielraum zu verkleinern. Die Welt aufzuräumen. Kat war die Unordnung. Und wenn sie im Unterricht saß und alles vor ihren Augen verschwamm, wenn sie den Halt verlor und Hände nichts zu greifen bekamen, da wünschte sie sich nichts mehr, als Ordnung. Als ein Leben in schwarz/weiß. Ein Leben, in dem man sie sah und nicht suchen musste.“

    Das Ende ist so unglaublich toll, so schlüssig und stark. Ich liebe es.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: