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Niemand geht mehr mit mir Händewaschen.

2. Juli 2011

Mein Vater hat eine eigene Wohnung. Nein, er ist nicht ausgezogen. Also, schon. Aber er wohnt auch weiterhin bei uns. Ja, es ist so seltsam und hirnrissig, wie es klingt. Es ist einfach komisch. Und ich habe versucht, mir keine Gedanken darüber zu machen, es zu verdrängen. Und ich habe es geschafft.
Doch diese Woche habe ich ihn gar nicht gesehen. Und ich vermisse ihn. Er ist mein Vater und ich verdanke ihm eine Menge, ich wäre mit Sicherheit nicht der Mensche, der ich heute bin, wäre nicht genau er mein Vater. Und damit meine ich auch die guten Dinge an mir. Vor kurzem stand ich unter der Dusche und plötzlich musste ich an seinen Kamm denken. Mein Vater hat einen weißen Kamm, mit dem er seine fusselige Dauerwelle quält, mir wurde als Kind verboten, meine Haare zu bürsten, es gab tränenreiche Streitereien wegen dieses Kamms. Und ich hatte solche Angst, dass er ihn mitgenommen hat. Ich wollte nicht, dass dieser Kamm weg war. Ich wollte es einfach nicht so deutlich sehen. Es hat mich wahnsinnig gemacht.
Ich vermisse meinen Vater. Ich vermisse es, dass er mir mittags Zeitungsartikel rauslegt, von denen er denkt, sie könnten mich interessieren. Ich vermisse es, dass er extra für mich ein anderes Dressing macht und die kleine Salatschüssel in den Kühlschrank stellt. Ich vermisse es, seine Musik über den ganzen Hof zu hören. Ich vermisse es, mit ihm im Auto zu sitzen und Nachrichten zu hören.
Aber das ist okay. Wirklich. Weil ich weiß, dass es besser so ist, dass ich all die Jahre nichts mehr wollte, als eine Trennung meiner Eltern – und auch wenn das keine klassische Trennung ist, was konnte ich von dieser Familie auch erwarten? Hier macht man nie etwas ganz, hier kommt es immer in Teilen oder nie komplett. Daran habe ich mich gewöhnt. Mein Vater hat noch eine Wohnung. Okay. Es geht allen besser damit, auch mir, auf jeden Fall.
Aber heute saß ich mit meinem Bruder in der Küche und aß Pommes. Wir unterhielten uns, keiften uns ein bisschen an, das Übliche eben – und dann sagte mein Bruder: „Und jetzt Händewaschen.“ Und ich habe mich daran erinnert, dass, jedes Mal wenn wir etwas Fettiges gegessen haben, mit den Fingern, sagte mein Vate: „Und jetzt Händewaschen“ und wir quetschten uns zu dritt ins Badezimmer und wuschen unsere Hände. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass mein Vater weg ist. Und das ich kein Kind mehr bin. Niemand geht mehr mit mir Händewaschen. Und es ist ein unglaublich hässliches Gefühl.

flugunfaehig

3 Kommentare leave one →
  1. Namenslos permalink
    2. Juli 2011 8:15 pm

    Oh, Mensch…! Das ist echt traurig. Nun, besser eine gelungene Scheidung als eine misslungene Ehe. Und was dich und deinen Vater betrifft ist es für mich schon traurig, dass ihr euch nicht sehr oft sieht. Das ist doch schade, vor allem, wenn ihr euch gut versteht. Was würde dein Vater denken, wenn er diesen Artikel lesen würde? Er wäre doch sicherlich gerührt. Vielleicht erzählst du ihm mal etwas davon…

  2. 11. Juli 2011 8:04 pm

    Hm. Gute Erinnerungen an meinen Vater sind schon so alt. Und weit weg.
    Aus aktuellem Anlass fiel mir neulich irgendwann auf, dass ich es als Kind mochte, wie sein Bart gekratzt hat.

  3. Jonas permalink
    11. Juli 2011 8:10 pm

    Durch Zufall bin ich auf diese gerade Seite gestoßen. Und ich finde deinen Text besodners jetzt traurig da mir, mein Eltern erst vor 2 Wochen von ihrer Scheidung, die sie planen, erzählt haben. Auch wenn es bei mir, so wie ich das raus hören kann, etwas andere Umstände sind, bin ich es auch, der mit seiner Schwester erst gestern wieder weinend auf der Terasse saß. Wir müssen uns gerade durchkämpfen, während wir merken, dass in uns etwas zerbricht. Und es tut immer gut Texte von anderen zu lesen, denen es ähnlich geht. Das schlimmste ist, dass wir es bis jetzt geheim halten müssen und ich mit niemandem hier reden darf. Wie eine Walnuss die nach außen gut aussieht, aber bei der innen alles verfault ist.

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