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Narbengeschichten.

5. Januar 2014

TRIGGER WARNING!

– Selbstverletzendes Verhalten –

 

 

 

 

 

Manchmal bleibt mein Blick immer noch an meinen eigenen Armen hängen. An meinen Oberschenkeln. An den ein, zwei Stellen auf meinem Bauch. Auch wenn ich mittlerweile von Jahren sprechen muss, seit denen sich in der kleinen Box auf meinen Nachttisch Klingen finden lassen. Neu, frisch verpackt, alt, voller schwarzem Blut. Zwischen meinen Milchzähnen und diesem „Danke für die letzte Nacht“-Zettel, den ich mal in einem Buch gefunden habe. Wie gesagt, mittlerweile Jahre. Mittlerweile sollte mein Blick einfach weitergehen. Und es sind selten die frischen Wunden, selten dieser seltsame Lilaton, der sich nach zwei, drei Wochen einstellt. Es ist immer dann, wenn alle anderen es schaffen, sie zu übersehen. Ich weiß nicht, wieso. Ich habe keine Angst, dass sie verblassen, keine Angst, diesen Teil auf mir zu verlieren, denn so sehr ich will, und so sehr ich weiß, dass ich wohl falsch liege, basierend auf den Erfahrungswerten zu vieler guter Menschen, ich kann mir kein Leben vorstellen, in dem ich nicht immer wieder neue machen werde. Aber trotzdem. Plötzlich muss ich während der Hausaufgaben den Stift weglegen, meine Stirn runzeln und meinen Arm heben, zwischen Jeans und Schlafanzughose ein paar Minuten damit verbringen, mit den Fingernägeln über die Knubbelnarben zu kratzen. Und jedes Mal muss ich daran denken, dass es Menschen gibt, für die jede Narbe eine Geschichte erzählt. Ich weiß ja, was sie meinen, ich weiß ja, dass sie mich nicht wütend machen wollen, aber was ich da auf mir sehe, das sind keine Geschichten. Und ich meine nicht nur, dass es keine guten wären, es sind einfach keine. Es sind nur Narben. All die Dinge, die Geschichten sein können, meine Narben sind nichts davon. Ich will nicht, dass sie irgendwas sind. Irgendwas anderes außer Narben. Das da auf mir ist keine Moral, keine Poesie, keine gottverdammte Geschichte. Das sind Nächte, in denen ich keine Luft bekommen habe, Tage, die so gut waren, dass ich sie nicht ertragen konnte, bis ich mir mit meinem eigenen Blut meine Lieblingsschlafanzughose ruiniert habe, das ist das echte Leben. Das einzige, was mir davon übrig geblieben ist. Und hier geht es schließlich um Kontrolle. Ich kann nicht zulassen, dass das einzige, was mich davon trennt, aus mir selbst nur eine Geschichte zu machen, alles in mir von Geschichten verdrängen zu lassen, auch noch eine Geschichte wird. Geschichten sind alles, was ich habe und was ich bin – bis auf dieses kleine Stück Realität, die nicht mal ich leugnen kann, weil ich sie sehe. Ich brauche ein bisschen… wahres Leben. Und nicht noch mehr Geschichten.

 

(Und vielleicht macht das alles auch nur für mich Sinn und auch ganz objektiv betrachtet ist das ein grauenhafter Text, aber ich möchte wieder mehr schreiben. Über mich selbst. Um beim Thema von fehlender Realität zu bleiben. Hm. Ja.)

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2 Kommentare leave one →
  1. 5. Januar 2014 10:41 pm

    Dein Text ist nicht grauenvoll. Er ist schnörkellos ehrlich. Geschichten erzählen wohl nur die Narben derer, die jene an einer Hand abzählen können. Ich habe nicht so viele Geschichten wie Narben. Eher bin ich die Narbe.

    Danke für deinen Beitrag.

  2. 22. Januar 2014 11:48 pm

    Danke, einfach nur danke, fü diesen Text.

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